Brugmannsches Gesetz bewiesen

     Das indogermanistische Forschungsproblem des Brugmannschen Gesetzes - ein Problem, das seit 1876 existiert hatte - ist gelöst worden. Es folgt eine kurze Erläuterung dazu, worum es bei diesem Thema geht und wie sich die Lösung ergibt.
     Zum Text ist bitte folgendes zu bedenken: Der Text soll auch Laien (in Hinblick auf historische Sprachwissenschaft) verständlich sein. Da das Thema komplex ist, sind gewisse Vereinfachungen nicht zu vermeiden. Es wurden aus technischen Gründen keine speziellen Zeichensätze benutzt, daher auch die relativ sparsame Angabe von Daten.
     Sprachen verändern sich. Im lautlichen Bereich hat man im 19. Jahrhundert festgestellt, daß sich die ─nderungen nicht willkürlich, sondern nach bestimmten Gesetzen vollziehen. Diese nennt man Lautgesetze. Untersucht man z. B. die Veränderungen vom Lateinischen zu den einzelnen romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch usw.), so stellt man diverse Lautgesetze fest, für jede Sprache ihre eigenen (was nicht ausschließt, daß viele Lautgesetze mehrfach vorkommen). Beispiele: Die lateinische Konsonantengruppe ct hat sich im Italienischen zu tt verändert, so z. B. in lat. octo "acht" > ital. otto, lat. factus "gemacht" > ital. fatto. Das Zeichen > steht für "wurde zu". Im Französischen gab es Lautgesetze, die bestimmte Konsonanten am Wortende verschwinden ließen. Sie werden aber noch geschrieben; die Orthographie stellt den älteren Zustand dar.
     Die Untersuchung der romanischen Sprachen in Hinblick auf Lautgesetze ist, relativ gesprochen, einfach. Schwieriger wird es, wenn ältere Sprachstufen nicht überliefert sind. Die romanischen Sprachen stammen vom Lateinischen ab. Aber woher kam z. B. das Lateinische? Man weiß seit Ende des 18. Jahrhunderts, daß das Lateinische mit den germanischen Sprachen (Deutsch, Englisch, Dänisch usw.), den slawischen Sprachen, bestimmten Sprachen Indiens und vielen anderen auf eine Sprache zurückgehen muß, von der keine Texte überliefert sind. Diese Sprache nennt man Indogermanisch, Urindogermanisch oder Proto-Indogermanisch. Die von ihr abstammenden, zum Teil oben genannten, Sprachen heißen die indogermanischen Sprachen. Die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen kann man an der Grammatik nachvollziehen. Genauso gut bemerkt man sie jedoch auch am Wortschatz. Und zwar kommen hier regelmäßige Lautentsprechungen ins Spiel, z. B. von Lateinisch k (geschrieben c) und deutsch h wie in den folgenden Wortpaaren:

centum - hundert
cor - Herz
canis - Hund
collum - Hals

Die regelmäßigen Lautentsprechungen werden von den Sprachwissenschaftlern durch Lautgesetze erklärt, im vorliegenden Fall durch das Lautgesetz indogermanisch *k > germ. h. Das Sternchen * steht für "rekonstruiert", d. h. nicht belegt. Im Lateinischen blieb *k erhalten.
     Es sind jedoch nicht alle Lautgesetze in den indogermanischen Sprachen so einfach zu erkennen wie das soeben besprochene. Manche sind sogar bis heute umstritten. Wenn ein schwierig zu entdeckendes Lautgesetz nachgewiesen worden ist, benennt man es oft nach dem Forscher, der diese Aufgabe bewerkstelligt hat. So gibt es z. B. ein Vernersches Gesetz, das nach dem dänischen Sprachforscher Karl Verner benannt ist. Es beschreibt eine bestimmte Veränderung von Frikativen (Reibelauten) im frühesten Germanischen.
     Manchmal ist auch eine Benennung schon geprägt, obwohl das Lautgesetz noch nicht in eine endgültige Form gebracht werden konnte. So war es mit dem Begriff Brugmannsches Gesetz. Es ist benannt nach dem bedeutenden Sprachwissenschaftler Karl Brugmann, der übrigens sich in jüngeren Jahren zunächst Brugman, d. h. mit einem n, schrieb. Ob solch ein Gesetz jedoch existierte, und falls ja, in was für einer Modifikation (Abänderung), war umstritten. Es geht um bestimmte *o des Proto-Indogermanischen, die sich in lange a in den indo-iranischen Sprachen änderten. Die indo-iranischen Sprachen sind ca. 100 Sprachen, die vom Kaukasus bis nach Sri Lanka und Bangla-Desh hin gesprochen werden. Von den heutigen Sprachen fallen darunter z. B. Persisch, Kurdisch, Hindi oder die Sprache der Zigeuner, das Romani. Von älteren Sprachstufen sind zu nennen: Altindisch, Avestisch (Sprache einer in kleinen Resten noch heute existierenden Religionsgemeinschaft), Altpersisch.
     Um ein indogermanistisches Problem zu untersuchen, muß man sich vor allem mit den ältesten überlieferten Sprachen auseinandersetzen. Brugmann wußte schon, daß sein Gesetzesvorschlag nur für offene Silben galt, d. h. Silben, die auf einen Vokal enden (hier folglich ein *o). Es gab aber Gegenbeispiele zu seinem Gesetz. Das Problem wurde dadurch sehr schwierig, daß neben den Lautgesetzen auch andere Veränderungen die indo-iranischen Sprachen ergriffen, z. B. daß sich Regelmäßigkeit in zusammengehörigen grammatischen Formen einstellte (sogenannte Analogie). Die Details des Lösungsweges sind leider zu kompliziert (sie verlangen zu viele Vorkenntnisse), um sie hier darzustellen. Jedenfalls stellte sich heraus, daß das Brugmannsche Gesetz nur für betonte Vokale gilt, nicht für unbetonte. Dies wird ausführlich erläutert in:

Holst, Jan Henrik (2004) [mit Verzögerung erschienen, in Wirklichkeit September 2005]:
Das Brugmannsche Gesetz und sein Bezug zum Winterschen Gesetz. S. 159 - 178 in: Historische Sprachforschung 117.

     Das Problem war dadurch leichter zu "knacken" gewesen, daß zuvor schon das Problem des Winterschen Gesetzes, eines Lautgesetzes der baltischen und slawischen Sprachen, gelöst worden war (Holst 2003, in derselben Fachzeitschrift).
     (Zu beiden Artikeln Sonderdrucke noch erhältlich.)

Beispiele (die Betonung wird mit Akzent ┤ notiert):
     Das Wort *dˇru "Holz, Holzspeer" hatte ein betontes o in offener Silbe; dieses wurde deswegen im Indo-Iranischen langes a.
     Das Wort *dwojˇs "zweifach" hatte als dritten Laut ein unbetontes o in offener Silbe; dieses wurde deswegen nicht im Indo-Iranischen langes a (sondern kurzes a). (Das zweite o steht in geschlossener Silbe, d. h. ein Konsonant folgt; daher zählt es nicht.)
     Das Brugmannsche Gesetz hat auch Auswirkungen in der Grammatik. Es erklärt die Formen mancher Substantive, z. B. "Fuß", im Altindischen. Es zeigt sich auch in den Verbformen und in der Derivation (Wortableitung).

     Obwohl die Lösung nicht schwierig aussieht, war sie in all den Jahren nicht gefunden worden. Und es hatten nicht wenige daran geforscht: Karl Brugmann selbst, Hermann Hirt, Manfred Mayrhofer, Jerzy Kurylowicz, Thomas Burrow, Stephanie W. Jamison, Marianne Volkart, Alexander M. Lubotsky und viele andere.
     Daß das Problem einer Lösung zugeführt worden ist, ermöglicht es jetzt, einige Passagen der ältesten überlieferten Texte der Inder, der Veden, besser zu verstehen. Es handelt sich jedoch nur um sehr wenige Textstellen. Die Lösung ermöglicht es auch, in Rekonstruktionsfragen andere Forschungsprobleme in neuem Licht zu sehen und aufbauende Fortschritte zu erzielen.
     Die Folgen des Brugmannschen Gesetzes zeigen sich noch in den Muttersprachen vieler 100 Millionen Menschen: im Iran, in Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Sri Lanka, Bangla-Desh und weiteren Ländern.

Inhalt des Artikels mit Seitenangaben
1. Einleitung   159
2. Material und Interpretation   162
     2.1. Längung - Wortakzent auf dem *o in offener Silbe   162
     2.2. Keine Längung - Wortakzent nicht auf dem *o in offener Silbe   165
     2.3. Längung bzw. keine Längung: Die Auswirkungen in Paradigmen mit mobilem Akzent   166
     2.4. Analogie aufgrund von Formen mit Konsonantengruppen   171
     2.5. Zu bestimmten Typen von Verbformen   171
3. Schlußbetrachtungen   173
Literaturverzeichnis   177

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